a house is a fortress is a libarary is a hotel

Ein architektonischer Weltensturz

Heute sind wir durch die Geschichte gebummelt. Durch die Zeit, betretbar durch den bebauten Raum. Eingekerbt in die Topographie zwischen Bergen, Hügelrücken und Flusstälern. Was sich von unserer Dachterasse als zypressenbestandene Miniatur gegen den smoggrauen Himmel abzeichnet, wird zu Fuss erst zu Wirklichkeit. Und ein Tag hier kann wie eine Woche sein und ein Jahrhundert nichts. Zu dicht schieben sich die Substratschichten der Epochen ineinander, als dass ein Sicherheitsabstand bliebe. Vogelperspektive wäre praktisch, aber wir fliegen gegen den Zeitstrahl und sowenig wie heute wusste ich noch nie.
Die Mauersegler sind mir eine Flügelspanne „Jetzt“ voraus, als mich die Metro auf der linken Seite des Mkwari ausspuckt. Wie in Petersburg oder Moskau führen die Rolltreppen in die Unterwelt und darüber hinaus. Nach dem Aufstieg ins Licht des Tages herrscht bereits reges Treiben im Viertel Blechanova, das fast ausschliesslich dreistöckig daherkommt und in türkisch-arabischer Hand zu sein scheint. In den sahnetortefarbenen Häusern locken Kebab und „türkmen“-Küche Kunden, auch für Massagesalons und Shishalounges wird auf Arabisch geworben. Renovierter Jugendstil rankt über einem gentrifizierten Gehege aus Botschaften, Hotels und Boutiquen, die um die multiethnische Kundschaft buhlen. In den Hinterhöfen jedoch ranken sich die Kamikaze Loggias um die Häuser. Erst relativ spät wurde das Viertel „Neu-Tiflis“ vor allem von deutschen Kolonisten im 19. Jh. erbaut. In den beiden Prachtstrassen markieren das Theater für die Eisenbahnarbeiter und Zypressen tatsächlich die höchsten Erhebungen. Lässt man jedoch Hotels und Cafes hinter sich, schieben sich schon bald die ersten Plattenbauen in die Baulinie. Immer wieder tun sich  Gärten auf, wechseln Gebäude im Zuckerbäckerstil oder auch verfallende Jugendstilvillen mit dem „Korpus“, dem Parkhaus oder der im Bau erstarrten neuzeitlichen Ruine.

 

Es gibt noch Luft genug dazwischen und Lust zum Entdecken, was da zwischen Büschen und Bäumen steht. Höchst anarchisch gebaute Garagen und Verschläge aus rostigem Metall und grob verputzten Mauersteinen schmiegen sich in Lücken. Abenteuerliche  Balkonkonstruktionen hängen über den Ausstellungsflächen für Motorenöle und Autozubehör: nur ein paar hundert Schritte stadtaufwärts haben Männer mit schwarzen Schrauberhänden die Betreiber der Boutiquen abgelöst. Auf der rechten Strassenseite schraubt sich das Stadion von Dinamo Tiflis in den Himmel und zementiert den Ruhm des einstigen Rekordmeisters. Daneben duckt sich das Seidenmuseum ins Grün der Maubeerbäume- an diesem der Seidenraupe gewidmeten Gesamtkunstwerk hat sogar der Stuck die Form der Insekten und ihrer Leibspeise. Mit dem aus Deutschland angekommenden Freund biege ich ab, über die Brücke nach Saburtalo: fliessend gilt es, sich durch den röhrenden Verkehr zu schlängeln, die Zebrastreifen sind nur Deko und Ampeln eher rar. Über die Brücke tosen die Autos, unter ihr zischen sie an den Uferseiten entlang auf die Innenstadt zu. Der einem plumpen Segel gleichende Glasturm eines arabischen Investors blinkt grau in der Mittagssonne, geschachtelte Betonsilos erwarten uns auf der anderen Seite des Flusses: auch als Rohbauten verströmen sie kaum Zukünftiges. Mit der Eleganz eines gut designten weissen Raumschiffs schwebt die Bibliothek des Päsidenten zwischen dieser immer befremdlicheren Umgebung. Direkt neben ihr nehmen wir einen kleinen Pfad hinter Feigenbäume und Motorenlärm, es riecht nach Pisse und magere Katzen beäugen uns argwöhnisch. Und plötzlich sind wir mittendrin in den Hochhäusern. Sie neigen sich über uns, scheinen uns in den Boden zu drücken, es gibt kein Gras zwischen ihnen und keine richtigen Gehwege, Autos und Menschen quetschen sich aneinander vorbei. Der Himmel ist verdeckt und die Beklommenheit wächst – zu nah sind diese Wohnsilos aneinander gebaut. Da helfen auch keine runden Ecken. Auf Wäscheleinen trocknen Turnschuhe, und Frauen mit Einkaufstüten ziehen ihre Kinder mit sich, den Jeeps ausweichend, die die engen Kurven blockieren.

 

Kaum Erde gibt es hier, und diese Ecke Saburtalo/Akademie-Stadt gilt als eine der bedückendsten im Tbilissi der Gegenwart. Seit fast 15 Jahren wuchert hier ungehindert, unkontrolliert und vor allem bar jeder gemeinsamen Vision der bauliche Wildwuchs, ohne Berücksichtigung von Verbindungswegen, Beleuchtung, Belüftung- mittlerweile so schlimm, dass sich sogar Investoren und Hausbesitzer beschweren. Analphabetismus im Bauwesen hat die in den früheren Jahrhunderten praktizierte Stadtgestaltung abgelöst, welche die natürliche Topographie der Stadt und ihre Skyline berücksichtigte.Teilweise schießen die Betonkästen so schnell in die Höhe und zerfressen letzte Grünflächen, dass man sich immer wieder neue Wege suchen muss, wenn man in die Universität oder die Bibliothek will…… Dies war nicht immer so. In Saburtalo, der einstigen Vorstadt, dominieren neben den Wohnblocks Sowjetbauten – davon gehören einige zu den spannendsten Beispielen der Sowjetarchiteckur von 1920 bis in die späten 1980er Jahre. Während nach der Nationalisierung 1921 viele Menschen in 1-2 Zimmer ihrer einstigen Häuser wohnten und diese mit den arbeitssuchenden Zugezogenen vom Land zu teilen hatten, suchte die neue Führung nach Wegen, die Stadt unter neuen Bedingungen zu planen. Archtitektur ist Politik, ist Demonstration der herrschenden Macht. Und mit der Planung neuer Gebäude sollte die neue sowjetische Lebensweise eingeführt werden, die zu besseren Lebensbedingungen führen sollte als die politischen Systeme zuvor. Vor allem mit dem wachsenden Kapazitätsproblem sollte sich die Baukommission Gibrokrat befassen, die auch den architektonischen und städtebaulichen Masterplan für Charkow verfasst hatte. Während dort jedoch nur ein Gebäude umgesetzt wurde, sollte das Viertel Saburtalo in Tbilissi mit dem Ensemble um die Universität (in Hammer- und-Sichel-Form!) einen umfassenden Lebens- und Lernort schaffen- „to make the Sovjet people happy“, wie uns der von Wissen und Geschichten sprühende Architekt Lewan Kalandarishvili erzählt. Viel Grün, am besten mehr Bäume als Menschen und offene Plätze sollten die Universität mit Politechnikum, Sportpalast und Bibliotheken umgeben. Von 1954 bis in die 1970er Jahre hinein wurde der „Masterplan“ immer wieder angepasst, vom Gesamtensemble reasilierten sich insgesamt 5 Gebäude. „We lived long at the borders of planing“, meint Lewan, „but somehow Tbilissi survived Sovjet time.“ Die eigentümlich beeindruckenden Gebäude werden mittlerweile umgenutzt – im Sportpalast sind Geschäfte und Wettbüros – oder sind bedroht: so sollte die alte, funktionale Bibliothek vor einigen Jahren verkauft werden. Zum Glück gab es ein Einsehen und wir haben die kostbare Gelegenheit, auch ohne Bibliotheksausweis durch das Bauwerk zu strolchen. Im Gegenlicht schummern die prähistorischen Schattenrisse von handvermehrten Grünpflanzen, am laufenden Meter stapelt sich Bücherwissen im grosszügigen Treppenaufgang und der Wintergarten dunkelt noch seiner Renovierung entgegen. Dann stehen wir plötzlich im Turm der Bibliothek. Einst als Fehler in der Planung des Architekten Liebermanns umgesetzt und von dessen Kollegen hingebogen, prunkt er mit einem geheimnisvollen Sowjetmosaik der Bücher, Menschen, Mysterienspiele und einer noch atemberaubenderen Akustik. Dieser Saal krönt die Lese- und Lernbastion, die vor allem durch ihre vom Zentrum entfernten, ruhigen Lage und den exzellenten Service der Angestellten überzeugt.
Zu den wohl bekanntesten und auch beeinrucktensten Beispielen des sowjetischen Modernismus in Tiflis gehört das ehemalige Verkehrsministerium, das 1975 von den Architekten George Tschachawara und Zurab Dschalagonia fertiggestellt wurde. Basierend auf dem Konzept von „Space City“ sollte so wenig wie möglich Raum am Boden verbraucht werden und die  Landschaft durch die diagonalen Raumstrukturen hindurchfliessen. Für mich krönt der in kantig-schwebender Eleganz am Rande des Highways gelegene Wunder-Bau als überzeitliches Bauwerk die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen hier – 2010 fanden darin Ausstellungen, Kunstaktionen und urbane Interventionen als Zwischennutzungskonzept statt, bevor die „Bank of Georgia“ die Renovierung ihres heutigen (Be)Sitzes abschloss.
Heute schreitet die scheinbar grenzenlose Umsetzung architektonischer (Alp)träume  in Windeseile voran: im Blinden Fleck des Verfalls von Altstadtgebäuden in „Schieflis“ spargeln spiegelnde Hochbauten in den Himmel, zerprengt die architektonische Hybris ausländischer Investoren das die natürliche Topographie nachzeichnende Stadtpanorama. Auf den Hügeln überm Botanischen Garten droht das Schreckens-Panorama eines diffusen Millionen-Projekts durch den allseits involvierten und bekannten Millionär, in nächster Nähe zu dessen Geschäfts- und Wohnsitz. Diese vom futuristischen japanischen Architekten Shin Takamatsu realisierte Cyber Datscha weckt Assoziationen mit James Bonds Kaffeemaschine im XXXL-Format, die Lage der Festung erinnert eher an das Adlernest auf dem Obersalzberg; der Kontrast zu den schiefwinkligen Gebäuden,die sich im Altstadtviertel Sololaki unterhalb davon an den Hang schmiegen, ist umso erschütternder. Das strukturelle Desaster des zeitgenössischen Bauwut und das Verschwinden von Bauwerken vergangener Epochen im Zeitraffer wirft  unausweichlich Fragen auf: wem gehört die Stadt? Wer erzählt sie architektonisch? Und wem soll und kann sie auch in der Zukunft als Lebensort dienen?
Der muntere Architekt Lewan, der uns einen Bogen aus Bau-Geschichten errichtet hat, macht jeden Morgen ein Foto von seinem Balkon: fast jeden Tag wächst etwas Neues herauf, Stalagniten aus Beton, Glas und Stahl. Grosszügige Glasflächen und opulente Beleuchtungsexzesse garantieren dabei nicht unbedingt das ästhetische und soziale Gelingen: im Fassadismus gehaltene Ladenzeilen stehen leer, und das im Volksmund „Diskothek des Todes“ genannte Mahnmal für die Gefallenen der letzten Kriege leuchtet wie ein überdimensionierter Eiszapfen seltsam verloren wie Verkehrinselkunst durch den nächtlichen Verkehr. Es bleibt also spannend im architektonischen Monopoly von Tbilissi. Angesichts der blinkenden Shopping-Zentren, die einem auf dem Weg vom Flughafen mit einer nächsten Zukunft der Stadt drohen, fallen mir die Zeilen von Andreas Gryphius ein: „Du siehst, wohin du siehst/nur Eitelkeit auf Erden./ Was dieser heute baut, reisst jener morgen ein: / wo heute Städte stehn, wird eine Wiese sein/ auf der ein Schäferskind/ wird spielen mit den Herden.“…

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