Sololaki

Luftgängerisches & Hinterhöfisches

Rücksturz aus der spatzenschwirrten Dschungelgemütlichkeit der Art Residency Bolnisis, wieder hinein in das Gewirr von Tbilissi. Der Strom des Verkehrs ist dicht und fließt nicht unbedingt innerhalb Spurbegrenzungen, aber jeder fließt mit, Hupen werden kräftig eingesetzt, Alarmanlagen quäken, Jeeps drücken sich an scheppernden Rostgurken vorbei, Taxifahrer schlängeln sich souverän durch den Blechfluss. Unsere neue Unterkunft befindet sich im 10. Stock über den Wolken, ein Penthouse mit großartigem Panorama über Plattenbauten, Glastürmen, zypressendunklen Hügelrücken. Am Rande der Stadt blauen die Berge, im Vake-Park ist Deda Sakartvelos Schwester für immer in einer gymnastischen Übung erstarrt. Der Verkehr brandet herauf auf die Dachterasse, mit seinem Orchester aus Hupen, Alarmanlagen und Megaphonstimmenschnarren. In die Badewanne aus Malachit und Marmor passen 7 Leute, im Billardzimmer lauern Queues auf Hände und der Dusche mit Farblicht ist Quantenbeschleunigung zuzutrauen und anderes mehr….. Aufbruch von unserem Luftschloß mit Ilja und Vlas nach Sololaki, einem Viertel in der Altstadt, in dem im 19. Jh. die High Society von Tbilissi wohnte. Die Jungs wollen ihre Lieblingsorte und deren Geschichten mit uns teilen, teilweise bedrohte Gebäude, deren Tage gezählt sind- weil sie einstürzen, wegbröseln, abgerissen werden sollen…

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Schon der erste Anblick raubt mir fast den Atem: hier residierte einstmals Tschaikowsky, nun bröckelt der Putz über den beim Erdbeben entstandenen Spalten, Rohre ranken über die Fassade, über die immer noch die klare Eleganz vergangener Zeiten schimmert. Nun wachsen Avocadopflanzen in Töpfen vor den Fenstern, in den Gängen stützen Träger wie neuzeitliche Säulen die sich neigende Substanz. Schwerkraft regiert, das gesamte Gebäude neigt sich dem Organischen zu, entschwindet immer mehr der rechtwinkligen Linearität. In Stuttgart wäre dieser Zustand als Erinnerung an die Endlichkeit und Metarmorphose alles Substantiellen wohl kaum zu ertragen: weit haben wir uns durch Wohlstand, Glas und kurzatmigen Beton von der Kompostlebendigkeit des Verfalls entfernt….

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Gegenüber eines als Kubus mit klaren Holzstrukturen auftretenden Architektenshowrooms von Moculishvili & Partner treffen wir auf die Residenz von Mirsa Khan, der um die vorletzte Jahrhundertwende persischer Konsul von Tbilissi war. Damals lebten auf der linken Seite des Mkwari über 200 deutsche Familien in einem multiethnischen Amalgam mit Georgiern, Juden, Armeniern und anderen, die vor allem durch den Handel via Seidenstraße ihre Claims auf dem „Balkon Europas“ absteckten und sich neben den kulinarischen Einflußnahmen auch architektonisch manifestierten.

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An den schmiedeeisernen Toren künden Plaketten in persischer Kalligraphie eine für uns unleserliche Ansage, an der Fassade blauen psychedelisch wirkende Tropfsteinelemente unter orientalischen Ranken. Im Flur sorgte einst ein Spiegelsaal für Pomp, Gloria und Aufsehen bei geladenen Gästen, von dem heute noch ein paar Ornamente geheimnisvoll in stumpfen Golde blinken. Eine Tür öffnete sich, ein riesiger weißer Wolfshund erscheint und verbellt uns, ein schlaksiger Georgier erscheint ebenfalls (ein guter Musiker, wie wir dann erfahren) und schaufelt den Hund zurück in die Wohnung. Tür zu, wieder raus, Treppen runter, in den Hinterhof hinein- dort, unter schattenschwarzen Zypressen ranken Rosen und wuchert Wein, der Perser betrieb dort einen Weinbrunnen mit Fontäne, der die Gäste wohl noch mehr beeindruckte. Vom Brünnlein ist nichts mehr zu finden, aber die Steinsäulen der Mauern haben sogar die sozialistischen Renovierung überstanden: stolz erzählt uns die Familie, in deren Wohnzimmer wir uns umsehen dürfen, dass diese Steine einfach nicht durchzusägen waren! Welch hochwertige Baumaterialien des 19. Jahrhunderts! Fraglich, ob das Radisson oder der blinkende Glasmeiler dahinter ebenso edel altern werden…..

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Durch ein enges Tunnel gehts in den Hinterhof des Hinterhofs- ungefähr hundert Katzen leben hier, ihr scharfer Geruch verschlägt uns im Dunkel den Atem, sie haben überlange Windhundbeine und lungern mit Wüstengesichtern über die Vorsprünge, Dächlein und Stiegenhäuser über uns. Hier lebten die Diener von Mirsa Khan- der auch über ein akustisches Spezialgeheimzimmer zum Abhören der Belegschaft verfügte.

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Weiter gehts durch die engen Straßen von Sololaki, ein weißbärtiger Alter mit milchgrünen Augen und drei tabakgelben Zähnen hält uns an und erzählt, dass die Deutschen gute Menschen seien. Im Krieg wurde sein Vater von einem deutschen Arzt gerettet, der ihm anschließend ein Amulett umlegte, so dass er nie wieder erkrankte. Wir haben Hunger bekommen- aus einem Fensterchen reicht uns einer ein langes Brot, und ums Umdrehen winkt uns sein Kumpel hinein, um am Ofen ein Gläschen Weißwein auf die Völkerfreundschaft zu trinken. Der Teigzuber ist schon leer, aber im Ofenschlund wummert immer noch die Hitze der Glut, in der die an die runde Wand geklatschten Fladen gebacken wurden. Mit wolkigem Kopf und unterm gellenden Flitzen der Mauersegler schlingern wir weiter, immer tiefer hinein in das Gewirr aus Gassen, Hinterhöfen, Stützpfeilern, Weinreben, Treppenwindungen.

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Kinder spielen Basketball in einen Korb aus Stuhl, der an einen Giebel genagelt ist, und im Purpur des Abends färbt sich der bröselnde Stuck an borkigen Fassaden. Soll man auf Käufer hoffen, die die Gebäude renovieren oder den dort Lebenden den Wohnraum lassen, der dabei langsam aber sicher verfällt? Fragen, die sich den Prachttreppen entang auftun und sich an den abblätternden Fresken entlangranken.

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Voller Begeisterung und randvoll mit Geschichten zieht uns Vlas zum nächsten Hauseingang weiter: Persische Blütenornamente umfließen die Freskos von italienischen und deutschen Meistern, Nymphen und Satyre bröseln im Dämmer des Treppenaufgangs ihrem Niedergang entgegen. Das um 1890 erbaute Haus des armenischen Gynäkologen M. umfasste mehrere Stockwerke, in denen sowohl arme und reiche Patientinnen und der Dottore selbst lebten.

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Zwei Straßenzüge weiter trifft dann stalinistischer Futurismus auf Jugenstil, das Mädchenlyzeum- im Volksmund „Hoghwart“ genannt- schraubt sich wie Harry Potters Lernschmiede in Klinkerbauweise in den Himmel.

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Als der Vollmond hinterm Riesenrad aufgeht und in Mutter Georgiens Weinkelch rollt, gehen hinter den scherenschnittschwarzen Balkönchen die Lichter an und wir treten hinter der armenischen Kirche ins Offene des taxiverstopften Platzes oberhalb der Schwefelbäder. Hier tummelt sich alles, es blinkt und hupt und wir werden uns nun wie all die anderen Georgier, Deutschen, Schweizer, Türken und Russen die dampfenden Khinkali in die multiethnisch begeisternden Münder stopfen-dankbar für all die Einblicke und Aussichten, die wir im Gekröse von Sololaki entdecken durfen. Das 19. Jahrhundert mit all seinen Bewohnern und Geschichten erschien dabei manchmal so nah wie ein Partyklatsch, und die Geister der Vergangenheit blinzelten von den rostigen Balkonen…..

Ulrika Bohnet

 

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3 Gedanken zu „Luftgängerisches & Hinterhöfisches&8220;

  1. Ulrike this lush description of personalities, architectural history, and relationships weaves an intricate tapestry of the past and present – presence of Sololaki.

    I so yearn to be t h e r e . . .

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